Mittwoch, 3. November 2010

Der aktuelle Beschäftigungsoptimismus in historischer Perspektive

Angesichts der gegenwärtig zu beobachtenden, geradezu demonstrativen Feier der neuen Beschäftigungsstatistiken und daraus abgeleiteter angeblicher Vollbeschäftigungsperspektiven liegt es nahe, folgende Zahlen in Erinnerung zu rufen, die für Deutschland einen historischen Trend belegen, wonach die Arbeitsstundenproduktivität Jahr für Jahr in der Regel stärker wächst als das Wirtschaftswachstum, was ein Sinken des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens zur Kehrseite hat:

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Die obige Graphik beruht auf den vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) veröffentlichten, von 1960 bis 2008 reichenden Zahlen, die jedem Bürger in Gestalt des Statistischen Taschenbuchs 2009 via Internet zur Verfügung stehen. Die Zahlen wurden von mir in eine graphische Darstellung übersetzt, welche die Entwicklung der verschiedenen Größen in Relation zueinander zeigt, beginnend von einem Stichjahr, hier das Jahr 1960. Wie das bei solchen “Index”-Graphiken üblich ist, wurden alle Größen für dieses Stichjahr auf den Wert 100 gesetzt. Die Graphik zeigt also keine absoluten Werte wie etwa die Höhe des realen Bruttoinlandsprodukts im Jahr 1960, sondern wie sich die jeweiligen Größen ausgehend von diesem Stichjahr und bezogen auf den für dieses Jahr festgelegten Ausgangswert 100 entwickelt haben. Der Vorteil einer solchen Darstellungsweise ist, dass Entwicklungstrends der jeweiligen Größen in Relation zueinander gegebenenfalls anschaulich werden.

Die Graphik ist aber nicht nur darin relational. Auch die dargestellten Größen sind in sich relationale Größen. Zum Beispiel wurde nicht die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts dargestellt, sondern die des realen Bruttoinlandsprodukts je Einwohner, also ein Durchschnittswert, der von Effekten aus demographischen Veränderungen bereinigt ist. Wenn das Bruttoinlandsprodukt also nur deswegen gewachsen ist, weil auch die Bevölkerung gewachsen ist, sich somit die Zahl der “Wirtschaftssubjekte” erhöht hat, dann bleibt der Durchschnittswert dennoch gleich. Lediglich strukturelle Verschiebungen werden sichtbar! Auf diese Weise lassen sich Irreführungen vermeiden, wie sie z. B. dem prominenten Ökonomen Hans-Werner Sinn unterlaufen sind, wenn er in einem öffentlichen Streitgespräch mit Jeremy Rifkin gegen die Hypothese einer “Krise der Arbeitsgesellschaft” (ähnliches auch in seinem Bestsellerbuch “Ist Deutschland noch zu retten?”) vorbrachte, dass in den USA von 1982 bis 2002 das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen um sage und schreibe 36 Prozent gewachsen sei, was er als enormen Beschäftigungserfolg gewertet hat, nicht erwähnend, dass im gleichen Zeitraum nach den Angaben des US Census Bureau die Bevölkerung um satte 24 Prozent angewachsen ist aufgrund einer nach deutschen Maßstäben geradezu riesenhaften Einwanderung. Ein Wachstum des Arbeitsvolumens, das auf schierer Bevölkerungsexpansion beruht, kann man natürlich gegen die genannte Hypothese nicht ins Feld führen.

Auch allen anderen Größen in der Graphik sind relationale Größen: die Produktivität je Arbeitsstunde, die Erwerbsquote (Anteil der Erwerbspersonen, d.h. Erwerbstätige plus Erwerbslose, an der Wohnbevölkerung), die Beschäftigungs- bzw. Erwerbstätigenquote (Anteil der Erwerbstätigen an der Wohnbevölkerung), das Arbeitsvolumen je Einwohner und je Erwerbstätigen. Die Darstellung ist somit durch und durch relational. Das gilt selbst noch für den statistischen Übergang vom Jahr 1990, bis zu dem sich die Zahlen auf Westdeutschland beziehen, hin zum Jahr 1991, das bereits auf gesamtdeutschen Zahlen beruht. So habe ich mir den Kunstgriff erlaubt, die gesamtdeutschen Zahlen von 1991 auf das Niveau der für das gleiche Jahr verfügbaren Zahlen für Westdeutschland zu setzen. Man sieht also von 1990 zu 1991 noch, wie sich Westdeutschland fortentwickelt hat, und ab 1991 tritt dann Ostdeutschland in die Betrachtung hinzu – die Veränderungen ab 1991 stellen fortan die gesamtdeutsche Entwicklung der relationalen Größen dar.

Was zeigt die Graphik? Am augenfälligsten ist die Schere in der Entwicklung der Arbeitsstundenproduktivität und des Wirtschaftswachstums bzw. BIP je Einwohner. So gut wie immer steigt die Arbeitsproduktivität um einen Prozentsatz an, der deutlich höher liegt, als der des Wirtschaftswachstums. Hier handelt es sich offenkundig um einen eindeutigen, stabilen Trend. Weitet man den Blick und schaut man sich auch die Zeit vor 1960 an, so zeigt sich, dass es sich um einen alten Trend handelt, der mehr oder weniger das gesamte Industriezeitalter ausfüllt.

Was für eine Relevanz hat dieser Trend im Hinblick auf die Frage einer “Krise der Arbeitsgesellschaft”? Um diese Frage zu beantworten, ist ein entscheidungsanalytisches Vorgehen unerlässlich, das die gegebenen Handlungs- und Entscheidungsspielräume berücksichtigt und in ihren Konsequenzen ausbuchstabiert. Das kann ich hier nicht in der eigentlich nötigen Ausführlichkeit tun, aber ich kann zumindest die Richtung andeuten und ansonsten auf einen weiteren, am Ende genannten Text verweisen, in dem die Analyse ausführlicher durchgeführt ist – wenn auch sicherlich noch immer nicht ausführlich genug. Wenn man vereinfachend von den jährlichen Steigerungen der Arbeitsstundenproduktivität ausgeht, die natürlich ihrerseits auf veränderlichen infrastrukturellen, rechtlichen und am Ende vor allem auch kulturellen Voraussetzungen ruhen, stellt sich entscheidungsanalytisch die Frage, wie ein konkretes, modernes Gemeinwesen die durch Forschung und Entwicklung, durch “technischen Fortschritt” im weitesten Sinne ermöglichten Produktivitätssteigerungen realisiert. Drei Möglichkeiten kommen hier aus analytischer Perspektive grundsätzlich in Betracht. Die fortgeschrittenen Produktionspotentiale können genutzt werden

  1. zur Produktion von mehr Waren und Dienstleistungen (bzw. eines höheren Bruttoinlandsprodukts) und in der Folge gegebenenfalls auch zur Realisierung höherer Arbeits- und Kapitaleinkommen und Kaufkraft,
  2. zur Senkung des Arbeitsvolumens (zur Minderung der Arbeitszeit je Erwerbstätigen oder auch zur Senkung der Beschäftigungsquote, der Erwerbsquote u.ä.) oder
  3. zu einer Mischung von beidem.

Schaut man sich die historische Entwicklung an, so erscheint die dritte Möglichkeit bislang als der durchgängige, empirische Regelfall für eine sehr lange Periode, die augenscheinlich bis heute anhält. Für die Zukunft ist damit zu rechnen, dass die wohl weiterhin steigenden Produktionspotentiale ebenfalls nicht ausschließlich und vollständig zur Ausweitung der Produktion genutzt werden (können) – bei gleichbleibendem Arbeitsvolumen – , sondern anteilig immer wieder auch zur weiteren Senkung des Arbeitsvolumens. Für diese Prognose lassen sich Gründe anführen, die auf den ersten Blick zum Teil normativen Charakter zu haben scheinen, aber hier letzten Endes doch nur analytischen Zwecken dienen:

Erstens ist es sehr fraglich, dass die einseitige Nutzung der gestiegenen Produktionspotentiale zur Produktionsausweitung auf Dauer eine realistische Option darstellt, da sie von der – wohl kaum durchweg gegebenen – Möglichkeit abhängt, die zusätzlich produzierten Waren und Dienstleistungen abzusetzen. Eine Produktionsausweitung in der Höhe der jährlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität wäre aber nötig, wenn man die Alternative, die weitere Senkung des Arbeitsvolumens, fürchten muss, weil sie zur Verschärfung der “Arbeitslosigkeit” führen kann. Dass ein Wirtschaftswachstum in dieser dauerhaften Höhe wenig realistisch erscheint, dürfte kaum jemand bestreiten wollen. Natürlich gäbe es im Prinzip auch noch die Möglichkeit, auf den Einsatz von neuen Produktionspotentialen schlicht zu verzichten, aber diese Option können wir außer Acht lassen, weil dies in seiner objektiven Unvernunft offenkundig ist. Angesichts der Finanzkrise hat sich mittlerweile manifestiert, was kritische Geister schon länger befürchtet haben: Dass ein “Wachstum auf Kredit” (Rifkin), also ein Wachstum auf der Grundlage einer kreditfinanzierten Anhebung der Konsumnachfrage, wie sie sich in den USA seit Mitte der 1970er Jahre auf verschiedenen Ebenen entwickelt hat, langfristig desaströs ist, also auch kein gutes Rezept darstellt, die unter den gegenwärtigen Bedingungen benötige Vollbeschäftigung herbeizuführen. Praktische Konsequenzen wurden allerdings trotz Finanzkrise bislang kaum gezogen. (Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde Existenzformen ohne Erwerbsarbeit ihrer heute dominanten Negativität berauben, nicht umsonst spricht man immer von “Arbeits-losigkeit” und nicht von den positiven Tätigkeiten im Rahmen einer erwerbslosen Existenz. Wer keiner Erwerbsarbeit nachgeht, hätte zwar kein Erwerbseinkommen als Aufstockung seines Grundeinkommens, aber dafür auch das große Privileg einer völligen Freiheit von arbeitsvertraglichen Fremdbestimmungen und weiterhin zahlreiche Möglichkeiten der Bewährung bzw. sinnvollen Tätigkeit.)

Zweitens, selbst wenn eine enorme Produktionsausweitung bzw. ein Wirtschaftswachstum in der Höhe der Steigerungen der Arbeitsproduktivität möglich wäre, bleibt die Vernünftigkeit eines solchen Weges doch höchst fragwürdig, in ökologischer und konsumkritischer Hinsicht.

Drittens wäre es aber auch in sich sehr zweifelhaft, die andere Option, die Minderung des (Erwerbs-) Arbeitsvolumens, geringzuschätzen. Immerhin führt diese Minderung kehrseitig zur Vergrößerung der Spielräume eines Gemeinwesens an selbstbestimmter freier Zeit, der “Muße”, was neben dem materiellen Wohlstand ebenfalls einen Reichtum darstellt, ja für eine Kulturgesellschaft liegt darin der eigentliche Reichtum, der zugleich Voraussetzung einer radikalisierten “Wissensgesellschaft” ist. (Im Falle eines Grundeinkommens würde dieses Mußepotential, das in der griechischen Antike auf Sklavenhalterschaft aufbaute, dann das ständische Privileg der Aristokratie war und in der “bürgerlichen Gesellschaft” von bürgerlichen Eliten durch wirtschaftliche Bewährung als Exklusivität erworben wurde, endlich demokratisiert.)

Angesichts dessen ist – zumindest wenn man sich durch eine vorhandene arbeitsgesellschaftliche Wertbindung die analytischen Sinne nicht vernebeln lässt – mit einer Fortsetzung des in der Graphik ebenfalls ersichtlichen Trends zum Sinken des Arbeitsvolumens (auch ein viel älterer Trend, der bis in das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts zurückreicht, wie der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Gerhard Schildt in einer neueren Aufbereitung des historischen Datenmaterials nachgewiesen hat, siehe Literaturangaben am Ende) ernsthaft zu rechnen. Natürlich ist die Zukunft immer offen und ist es denkbar, dass Parallelentwicklungen die arbeitslosigkeitsförderlichen Effekte des vorhandenen Trends zum sinkenden Arbeitsvolumen aufheben. Darauf setzen auch viele Hoffnungsträger der Arbeitsgesellschaft. Sie hoffen auf den demographischen Wandel und prognostizieren, dass dem Arbeitsmarkt zunehmend eine Entlastung durch das Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge aus der Erwerbssphäre in den Ruhestand ins Haus steht. Das mag ja vieleicht tatsächlich so eintreffen und für eine zeitweilige Entschärfung der Arbeitslosigkeit sorgen. Nur das wäre eben bezeichnenderweise lediglich eine Vertagung des Problems auf ein paar Jahrzehnte später! Nicht gerade eine verantwortliche, zupackende Haltung. Außerdem kann es auch so kommen, wie es mit den Prognosen der Entwicklung der Studentenzahlen an den überfüllten Massenuniversitäten Ende der 1980er Jahre kam: Damals haben die Statistiker des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden mit Verweis auf die demographische Entwicklung und den antizipierbaren Geburtenrückgang eine baldige naturwüchsige Lösung der Überlastung in Aussicht gestellt (siehe die “Jahrbücher” oder die “Datenreporte” dieser Zeit im Vergleich zu heute). Es kam völlig anders. Trotz des Geburtenrückgangs sind die Studentenzahlen weiter gestiegen. Etwas ähnliches könnte sich auch auf dem Arbeitsmarkt ereignen. Die Hoffnung auf den demographischen Wandel ist daher trügerisch, und sie ist vor allen Dingen in sich eine Vertagung einer grundsätzlichen Problemlösung. Im übrigen ist der ausflüchtige Hinweis auf die entlastenden Effekte des demographischen Wandels alles andere als neu. Er wurde bezeichnenderweise schon in den 1980er Jahren gegeben. Thomas Kieselbach bemerkte dazu in einem 1986 erschienen Buch an:

Die Hoffnung, der “Arbeitsmarkt (werde) – auch aus der demographischen Entwicklung heraus – in 10 bis 20 Jahren ausgeglichen sein”, bestätigt dabei eher eine naturalisierende Betrachtungsweise, als daß damit eine überzeugende politische Alternative zum ‘Sachzwang’ Massenarbeitslosigkeit eröffnet würde.

[S. 124f. in: Hans O. Hemmer & Ingeborg Wahle-Homann (Hrsg.), Auf den Schrott geschmissen? Arbeitslose zwischen Resignation und Selbstfindung. Köln: Bund-Verlag]

Kieselbach zitiert hier einen Zeitschriftenbeitrag von H. Rapp aus dem Jahre 1984 in der SPD nahen Zeitschrift “Die Neue Gesellschaft” (S. 494-509) mit dem Titel “Godesberger Erneuerung – Zum Bericht der Grundwertekommission beim Parteivorstand der SPD über die Weiterentwicklung des Godesberger Programms”. Wie lange will man sich noch an einer derart alten und fragwürdigen Hoffnung festklammern?

Im übrigen zeigt die obige Graphik anschaulich, was von dem notorisch vorgetragenen Argument zu halten ist, unserer Arbeitsgesellschaft ginge nicht die Erwerbsarbeit aus, vielmehr sei ein historischer Rekord an Erwerbstätigen zu verzeichnen. Dieser Rekord erscheint als besonders beeindruckend, wenn man die obige Graphik um zehn Jahre verkürzt und das Stichjahr 1970 wählt. Denn dann tritt eine Entwicklung aufgrund des verschobenen relationalen Ausgangspunkts deutlicher hervor, auf die sich die Anhänger der alten Arbeitsgesellschaft mit Vorliebe berufen: die beachtliche Zunahme der Beschäftigungsquote und noch stärker der Erwerbsquote in der Zeit von etwa 1975 bis heute.

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Der Arbeitsökonom Jörg Althammer hat angesichts dessen schon im Jahr 2002 festgestellt

“dass die prekäre Beschäftigungssituation nicht auf einen Rückgang der Arbeitsnachfrage zurückzuführen ist; es ist vielmehr nicht gelungen, das gestiegene Erwerbspersonenpotenzial durch einen ebenso kräftigen Anstieg der Arbeitsnachfrage zu absorbieren. Insofern sind krisenhafte Erklärungsansätze, die einen säkularen Trend zur Freisetzung des Faktors Arbeit unterstellen, bereits im Ansatz verfehlt.” (Jörg Althammer: Erwerbsarbeit in der Krise? Zur Entwicklung und Struktur der Beschäftigung im Kontext von Arbeitsmarkt, gesellschaftlicher Partizipation und technischem Fortschritt. Berlin: Duncker und Humblot, 2002, S. 129)

So kann man sich die Entwicklung natürlich wunderbar schön reden! Voraussetzung ist nur, dass man die historische Entwicklung des Arbeitsvolumens (erstrecht in Relation zu Arbeitsproduktivität und Wirtschaftswachstum sowie im Hinblick auf die diversen Entscheidungsoptionen eines Gemeinwesens samt ihrer jeweiligen Folgen) übergeht und sich stattdessen zweckoptimistisch an der Rekorderwerbstätigenzahl der jüngeren deutschen Geschichte berauscht. Die Realität sieht allerdings, wie die Schaubilder zeigen, so aus, dass trotz Rekorderwerbstätigenzahl das Arbeitsvolumen weiter zurückgegangen ist. Ja, es ist sogar stärker zurückgegangen, als die Zahl der Erwerbstätigen bzw. Arbeitsplätze gestiegen ist. Wenn aber die Erwerbs- und Beschäftigungsquote steigen und zugleich das Arbeitsvolumen je Einwohner und je Erwerbstätigen noch stärker sinkt, dann zeigt dies, dass das kontinuierlich kleiner werdende Arbeitsvolumen im großen Umfang auf mehr Köpfe verteilt wird. Und dies geschieht nicht auf die geregelte Weise kollektiver Arbeitszeitverkürzungen, wie sich dies Gewerkschaftsfunktionäre und -intellektuelle früher vorgestellt haben, sondern es vollzieht sich “anarchisch”.

Wie darin deutlich wird, ist das Arbeitsvolumen – logischerweise – ein sehr viel besserer Indikator für die Arbeitsnachfrage als die Erwerbstätigenzahl. Vergleicht man zudem die Entwicklung der Erwerbs(personen)quote, wie sie sich in der zweiten Graphik darstellt, mit der ersten Graphik, die bereits mit dem Jahr 1960 beginnt, so nimmt sich die neuere Entwicklung ab 1975 hin zu einer Rekorderwerbstätigenzahl historisch gar nicht mehr bemerkenswert aus. Denn in den Jahren von 1960 bis 1975, dem Jahr, in dem die moderne strukturelle Massenarbeitslosigkeit ihren Anfang nimmt, sind die Erwerbs(personen)quote und Beschäftigungsquote zunächst einmal gefallen, um daraufhin wieder zu steigen bis zu einem Punkt, der 2008 nur geringfügig über dem Wert von 1960 liegt, und das trotz des seit den 1980er Jahren ins Spiel kommenden “Normativs” einer flächendeckenden Erwerbsbeteiligung von Frauen.

Ein Wort zum Schluss. Den Skeptikern des Vorschlags eines bedingungslosen Grundeinkommens, das als probate und einzig an der Wurzel des Problems der Massenarbeitslosigkeit ansetzende Lösung daherkommt, muss man zugestehen, dass die Proponenten dieses Vorschlags eine hohe Begründungslast tragen angesichts der Trageweite der anvisierten Reformen. Ein Grundeinkommen wäre tatsächlich in der Weite seiner Konsequenzen keine Kleinigkeit, umso wichtiger daher eine sorgfältige Diskussion der sich stellenden Fragen. Zu gemütlich sollten es sich Skeptiker vor diesem Hintergrund aber in ihrer Position sicherlich nicht machen, denn wenn die Diagnose einer “Krise der Arbeitsgesellschaft” stimmt, muss für das abwartende Festhalten an Erwerbsarbeit als Normalmodell entgegen dem beschriebenen Entwicklungstrend ein sehr hoher Preis gezahlt werden. Man ist also als Konservativer der Arbeitsgesellschaft keineswegs auf der sicheren Seite. Einiges ließe sich zudem dafür anführen, dass wir bereits heute einen hohen Preis zahlen.

Literatur:

Franzmann, Manuel (2010): “Einleitung. Kulturelle Abwehrformationen gegen die »Krise der Arbeitsgesellschaft« und ihre Lösung: Die Demokratisierung der geistesaristokratischen Muße”, in: Franzmann, Manuel (Hrsg.) Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf die Krise der Arbeitsgesellschaft. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, S. 11-103, kostenlos erhältlich unter der URL:  http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2010/7436/

Schildt, Gerhard (2010): “Die Abnahme der Arbeitszeit – ein säkularer Trend”, in:  Franzmann, Manuel (Hrsg.) Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf die Krise der Arbeitsgesellschaft. Weilerswist: Velbrück Wissenschaf, S. 127-166, URL: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2010/7436/